Aktives Zuhören: 5 Tipps für gelungene Paarkommunikation

von  Niklas Löwenstein

Vielleicht ist dir der Begriff “Aktives Zuhören” schonmal begegnet - er fällt gerne schonmal im Arbeitsumfeld - je nachdem natürlich, was dein Job ist. 

Wenn man ihn sich genau anschaut, sieht er erstmal widersprüchlich aus. Ist Zuhören nicht eigentlich ein passiver Vorgang? Jemand redet - ist also aktiv - und ich höre nur zu?

Ich beantworte die Frage jetzt erstmal mit einem klaren Jein. Und verspreche dir, es lohnt sich, mehr über das Thema zu erfahren. Denn es kann nicht nur im Jobkontext ausgesprochen sinnvoll sein. Aktives Zuhören kann euch auch in eurer Kommunikation als Paar sehr weiterhelfen. 

In diesem Artikel möchte ich euch das Thema nahebringen, weil es einen großen Unterschied macht, wie wir einander zuhören. Lies also weiter, wenn dich die Antworten auf die folgenden Fragen interessieren:

  • Aktives Zuhören, was ist das überhaupt? 
  • Was steht einer guten Kommunikation gerne mal im Wege und welche Auswirkungen hat das für deine Partnerschaft?
  • Wie könnt ihr aktives Zuhören üben und in eurer Kommunikation verankern?
  • Und was bringt es euch letztlich?

Wie wir einander zuhören

Im Grunde gibt es nicht DAS Zuhören. Wir haben stattdessen viele verschiedene Arten, zuzuhören.

Wir lauschen aufmerksam, um etwas zu lernen, das uns interessiert. Wir hören uns etwas an, um uns abzulenken oder zu entspannen. Wir hören halbherzig zu, wenn uns etwas anderes gerade wichtiger ist oder können sogar absichtlich etwas “falsch verstehen”, wenn wir zuhören.

Zuhören, das ist so etwas, was wir fast ständig und überall tun. Trotzdem sind die meisten von uns nicht so richtig gut darin. Und das hat dann große Auswirkungen auf unser Miteinander, in Jobs genauso wie in unserer Partnerschaft.

Tatsächlich ist es so, dass wir immer nur 25 - 50% von dem, was uns gerade erzählt wird, aufnehmen. 

Das bedeutet natürlich auch, dass eine ganze Menge an uns vorbeigeht - und im schlimmsten Fall verpassen wir so das, was dem Erzählenden wirklich wichtig war. Und das ist natürlich auch der beste Ausgangspunkt für Missverständnisse. Oder aber der Erzählende empfindet seinen Gesprächspartner als desinteressiert - was innerhalb einer Beziehung ganz schön verletzend sein kann.

Aber kann man seine Zuhör-Skills nicht vielleicht so erweitern, dass einem sowas in Zukunft vielleicht nur noch selten (oder hey! - vielleicht ja auch gar nicht mehr…) passiert?

Ben und Anna - ein Beispiel

Ben und Anna sind schon länger ein Paar und leben zusammen. Sie kennen einander gut, haben das Gefühl, immer gut im Austausch zu sein. Anna hat Streit mit ihrer besten Freundin Lara. Das hat Ben schon mitbekommen, aber Streitigkeiten findet er generell recht anstrengend.

Anna

"Heute ist ein Brief gekommen von Lara."

Ben

(schaut kurz vom Handy auf):
"Aha."

Anna

"Darin hat sie alles aufgelistet, was sie für mich getan hätte in letzter Zeit und was ich für sie - nämlich angeblich so viel weniger."

Ben

(wieder auf`s Handy schauend):

"Ist ja nicht so nett."

Anna

"Nee. Ist es nicht."

Was glaubst du, wie fühlt sich Anna in der Situation? Fühlt sie sich verstanden? Hat sie von ihrem Freund, ihrem Gesprächspartner das bekommen, was sie in dem Moment gebraucht hat? 

Ben hat auf ihre Aussagen reagiert und auch halbwegs passend geantwortet. Er hat also gewissermaßen schon zugehört. Das Gespräch war natürlich trotzdem ziemlich schnell beendet. Was hätte Ben besser machen können, wenn ihm eine gute Kommunikation mit Anna am Herzen liegt? 

Aktives Zuhören

Der Schlüssel, um Bens - oder auch deine und unser aller -  Zuhörfähigkeiten zu erweitern, heißt “Aktives Zuhören”. 

Der Begriff geht zurück auf den Psychologen Carl R. Rogers und war erstmal als Mittel innerhalb der Psychotherapie gedacht. Wichtig war ihm vor allem eine grundsätzlich wohlwollende Haltung dem anderen gegenüber. 

Besonderes Augenmerk liegt auf der Begegnung zwischen dem Sprecher und dem Zuhörenden, den Emotionen innerhalb des Gesagten und der nonverbalen Informationen. Also auf dem, was nicht gesprochen wird, sondern auf anderem Wege kommuniziert wird, wie Mimik oder Gestik.

In meinem früheren Artikel Beziehung retten | 7 Alarmsignale und schnelle Hilfe habe ich das im Hinblick auf Kommunikationsprobleme erläutert. Denn tatsächlich können in einem Gespräch ganz schnell Missverständnisse entstehen, wenn der emotionale Gehalt des Gesagten vom Zuhörer nicht erfasst wird.

Die reine Information, die vom Erzählenden übermittelt wird, ist sozusagen nur die Spitze des Eisberges. Unter der oft recht offensichtlichen Oberfläche liegen noch viele andere wertvolle Informationen.

Ziel des aktiven Zuhörens ist also, nicht einfach nur die Worte deines Gesprächspartners zu hören (wobei dir, wie gesagt, eine ganze Menge entgehen kann), sondern seine ganze, seine komplette Botschaft zu erfassen. Das erfordert Aufmerksamkeit und Empathie.

Wie geht das nun also, dieses aktive Zuhören? Das Modell von Carl Rogers wurde oft angepasst, je nachdem, in welchem Kontext es herangezogen wurde. Für uns ist natürlich wichtig, wie du es innerhalb deiner Beziehung nutzen kannst (im Gegensatz z.B. in Bezug auf die Arbeitswelt). Los geht`s also!

5 Tipps für eine gelungene Kommunikation

Hier kommen nun die 5 Tipps, die du anwenden solltest, wenn du dein Zuhören revolutionieren möchtest - und damit eure Kommunikation auf ein ganz neues Level bringen kannst:

1. Sei ganz und gar aufmerksam

Dein Partner spricht dich an - und du wendest dich ihm wirklich zu. Vielleicht meinst du jetzt, das sei eine Selbstverständlichkeit…ist es nicht. Es geht wirklich darum, dass du ihm in diesem Moment nach Möglichkeit all deine Aufmerksamkeit schenkst. Das ist vor allem erstmal eine innere Haltung. Dein Partner redet mit dir und du möchtest wirklich hören, was er zu sagen oder zu erzählen hat.

2. Zeig dich zugewandt

Jetzt kommt der Teil mit der äußeren Haltung: Zeig deinem Gesprächspartner, dass du ihm zuhörst. Wende dich ihm also, wenn es die Situation zulässt, körperlich zu. Das heißt, drehe ihm deinen Oberkörper zu und schau ihm in die Augen. Halte deine Mimik möglichst entspannt - was nicht heißt, dass du keine Reaktionen zeigen sollst.

Nonverbale Reaktionen zeigen deinem Gesprächspartner, dass du aufmerksam zuhörst. Das kann ein Nicken sein, ein Kopfschütteln an passender Stelle, aber auch kleinere Bewegungen in deiner Mimik, wie z.B. das Heben einer Augenbraue oder ein Verändern deiner Körperhaltung bzw. Bewegungen wie das typische Hand-vor-den-Mund-schlagen, während man fassungslos “Oh nein” denkt (kennst du bestimmt auch!).

Natürlich gibt es auch verbale Reaktionen, dazu kommen wir jetzt im nächsten Punkt.

3. Gib Feedback und paraphrasiere

Um es gleich vorweg zu sagen: Deine Rolle als Zuhörer ist nicht, immer sofort einzuhaken und deinen Senf zu allem dazuzugeben. Du bist Zuhörer, also ist deine Aufgabe: Zuhören und verstehen, was der Andere dir alles übermitteln möchte.

Manchmal erfordert das, dass du nachfragst, wenn du mal etwas nicht verstanden hast (“Hab ich das jetzt richtig verstanden, dass du…”, “Was genau meinst du damit, du hast…”, etc.). 

Oder du musst selbst laut überlegen - reflektieren -, um sicher zu gehen, dass du gut folgen kannst. Paraphrasieren heißt, kurz in eigenen Worten zu wiederholen, was der andere zuvor gesagt hat. Das solltest du natürlich nicht nach jedem 3. Satz tun. Aber zwischendurch ein “Das klingt für mich, als hättest du…” oder “Was ich da raushöre, ist…” kann sehr wohltuend für den Erzähler sein - einfach, weil er sich gut verstanden fühlt.

In größeren Abständen kannst du das bereits Erzählte kurz zusammenfassen (“Ihr habt euch also getroffen, dann hat sie dir das erzählt und daraufhin…”).

4. Unterbrich nicht

Bei all diesen Reaktionen ist es wichtig, dass du den Erzählenden unbedingt ausreden lässt. Niemand wird gerne unterbrochen. 

Auch wenn dir eine Frage spontan auf der Zunge brennt, warte, bis dein Gegenüber seinen aktuellen Erzählpunkt abgeschlossen hat. Vielleicht beantwortet sich deine Frage tatsächlich ja auch von allein. Denn nicht selten gehen Informationen im Gespräch verloren, wenn der Sprecher unterbrochen wird und im schlimmsten Fall dabei seinen “roten Faden” verliert. 

Abgesehen davon ist Unterbrechen ein gutes Mittel, damit sich der Erzählende nicht sonderlich gewertschätzt fühlt. Und gerade das ist ja eigentlich dein Ziel beim Aktiven Zuhören. 

Noch unglücklicher läuft es, wenn du dein Gegenüber nicht nur unterbrichst, sondern das auch noch tust, weil du ihm unbedingt ein Gegenargument liefern möchtest. Dann wird auch der dickfelligste Mensch sich vermutlich eher zurückziehen wollen. Was kannst du also stattdessen tun? Im nächsten Punkt findest du die Lösung…

5. Reagiere wohlwollend

Nochmal: Wenn Du aktiv zuhören willst, ist deine Aufgabe als Zuhörer…das Zuhören. Nicht das Beurteilen, Verurteilen oder gar Angreifen.

All dies würde den Erzählenden verschrecken, vielleicht sogar verletzen. Es ist quasi das Gegenteil von dem, was du mittels Aktiven Zuhörens erreichen möchtest:

Nämlich, dass sich dein Gegenüber verstanden und respektiert fühlt, dass er das Gefühl hat, auf offene und wohlwollende Ohren zu stoßen.

Natürlich sollst du in deinen Reaktionen offen und ehrlich sein, aber manchmal braucht es Fingerspitzengefühl und etwas mehr Empathie, um den Anderen nicht vor den Kopf zu stoßen. 

So viel zu beachten….

Vielleicht hast du das oder ähnliches beim Lesen eben gedacht. Es stimmt…anfangs kann es sein, dass du es als anstrengend empfindest, an all diese Dinge zu denken, wenn du deinem Gesprächspartner zuhörst. Aber ich verspreche dir: Wenn du das aktive Zuhören übst, wird es dir nach und nach in Fleisch und Blut übergehen - es geschieht dann einfach automatisch. 

Und noch ein positiver Effekt ist sehr wahrscheinlich: Indem du in euren Unterhaltungen auf diese sehr zugewandte Weise zuhörst, wird dein Partner vermutlich auch immer mehr diese Richtung einschlagen. Eure Gespräche können so deutlich an Tiefe gewinnen. Und ihr erfahrt nicht nur mehr von und über euch, sondern werdet im Umgang miteinander liebevoller.

Ben und Anna - das alternative Ende

Kommen wir nochmal zurück auf unser Beispiel von eben, unser Paar Ben und Anna.

Wenn sie auf eine gute Kommunikation in ihrer Beziehung achten und sich im aktiven Zuhören und eine grundsätzlich wertschätzende Haltung üben, könnte das Gespräch dann so laufen:

Anna

"Heute ist ein Brief gekommen von Lara."

Ben

(weiß, dass das Thema Lara gerade sehr wichtig ist für Anna, weil sie der Streit belastet, er wendet sich Anna zu und legt sein Handy beiseite): "Nanu, sie hat dir einen richtigen Brief geschrieben? So richtig handschriftlich?"

Anna

"Ja, stell dir vor, die Mühe hat sie sich gemacht! Und nur, um mir um die Ohren zu hauen, dass sie viel mehr macht als ich für die Freundschaft!"

Ben

(zieht die Augenbrauen hoch): 

"Was genau hat sie denn geschrieben?"

Anna

"Sie hat geschrieben, was sie alles für mich getan hätte und von mir nix zurückkommt. Da steht alles Mögliche drin…wie sie mich neulich abgeholt hat oder als sie die Pralinen für uns mitgebracht hat, die ihr die Kollegen geschenkt hatten."

Ben

"Versteh ich das richtig - sie hat quasi `ne Liste geschrieben von Dingen, die man in einer Freundschaft halt mal so tut?"

Anna

"Ja, genau!"

Ben

nickt

"Das ist bestimmt komisch, sowas zu lesen, oder? Wie geht`s Dir damit?"

Anna

"Ich finde es ziemlich blöd…ziemlich ungerecht. Es ärgert mich. Ich weiß jetzt noch gar nicht…."

Das Gespräch zwischen den Beiden geht bestimmt noch eine Weile weiter. So lange die Beiden möchten. Der Punkt ist: Im Gegensatz zur ersten Version des Gesprächs weiter oben fühlt sich Anna nun von Ben verstanden. Sie findet in ihm einen Zuhörer, weil er ihr im Gespräch signalisiert, dass er ihr gut zuhört, sie und ihre Gefühlen wahrnimmt und Verständnis für sie zeigt. So kann sie sich öffnen, es kann zu einem Austausch kommen und vielleicht kommt Anna sogar im Gespräch zu einer möglichen Lösung ihres Konflikts.

Was Aktives Zuhören für eure Beziehung tun kann

Wir haben ja schon gelernt: Wenn ihr euch in Aktivem Zuhören übt, werden eure Gespräche zukünftig tiefer gehen. Die Methode wird euch so helfen können, im Umgang miteinander liebevoller und zufriedener zu sein. 

Solche Gespräche, auch wenn sie nur wenige Minuten dauern, schaffen Vertrauen und stärken eure Bindung. Jedes Mal, wenn ihr ein solches Gespräch führt, indem ihr einander eure Wertschätzung füreinander zeigt, ist das ein Holzscheit für euer Liebesfeuer. 

Das Liebesfeuer ist ein Symbolbild, das ich gerne verwende: Eure Liebe ist dabei das Feuer in einem Kamin, in einer kalten Winternacht. Jedes Mal, wenn einer von euch etwas macht, das eurer Beziehung gut tut, legt er damit einen Holzscheit auf eben dieses Feuer. Das kann mal ein kleinerer, mal ein größerer Scheit sein. Jedes Mal, wenn etwas Negatives in eurer Beziehung geschieht, wird ein Scheit herausgenommen - wie in der ersten Version unseres fiktiven Gespräches zwischen Ben und Anna, in dem sich Anna sicherlich nicht sehr verstanden gefühlt hat. Je mehr Positives geschieht, desto heller lodert euer Liebesfeuer also. Und andersherum: Geschieht mehr Negatives, wird euer Feuer irgendwann erlöschen. 

Aktives Zuhören ist eine Methode, die mit ein bisschen Übung schnell selbstverständlich wird. Und so können selbst kleine “Zwischendurch-Gespräche” eine echte Bereicherung für eure Beziehung werden, da sie euch jedes Mal ein Gefühl von Vertrautheit, Nähe und Geborgenheit geben können.

Niklas Löwenstein


Muss ich mich wirklich trennen, oder gibt es noch Hoffnung? Niklas war kurz davor, seine Ehe gegen die Wand zu fahren... Um seine Kinder vor einer Scheidung zu bewahren und wieder glücklich werden zu können, stürzte er sich auf alles, was seiner Beziehung vielleicht helfen konnte.

Aus dieser Suche wurde erst ein Hobby und dann nach und nach seine Lebensaufgabe. Heute ist seine Ehe glücklicher als je zuvor und er hilft mit seinen Artikeln, Büchern und Programmen hunderttausenden dabei, auch wieder glücklichere Beziehungen zu führen.

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