Mental Load: Der unsichtbare Beziehungs-Killer

von  Niklas Löwenstein

Mental Load - ein Begriff, der gerade seit Corona plötzlich in aller Munde ist. Und das ist gut so. Mental Load, das ist das Gefühl, wenn man an alles denken muss, sich um alles kümmern muss. Was muss getan werden? Was muss noch gekauft oder besorgt werden? Wer muss wo abgeholt oder gebracht werden? Und und und...

Mental Load betrifft vor allem Mütter. Und es betrifft immer auch ganz stark und unmittelbar eine Partnerschaft. Vielleicht fühlst du dich gerade auch oft erschöpft, überfordert, wie erschlagen von all den Dingen, an die du ganz selbstverständlich denkst.

Reden wir also über Mental Load: Was genau versteht man darunter? Was bedeutet das für deine Partnerschaft? Und was könnt ihr in eurer Partnerschaft tun, um dich wieder zu entlasten?

Was genau ist das eigentlich - Mental Load?

Der Begriff ist zwar schon etwas älter, bekannt wurde er aber durch die feministischen Comics der französischen Zeichnerin Emma. Das war 2017 und seitdem wurde oft über Mental Load gesprochen. Er bezeichnet dieses Sich-überladen-fühlen... wenn der Kopf einfach voll ist von Dingen, die erledigt werden müssen. Und das von morgens bis abends. Das verursacht einen enormen Stress. Die Betroffenen fühlen sich oft gehetzt, ausgelaugt, erschöpft und überfordert.

Eine meiner Klientinnen beschreibt es so:

“Ich bin sehr mit mir, dem stressigen Alltag und meinen Themen beschäftigt und habe häufig wenig Ressourcen übrig.”

Warum sind besonders Frauen davon betroffen?

Wie ist das bei euch in eurer Beziehung geregelt? Teilt ihr euch Erwerbsarbeit, Kinder, Haushalt alles zu 50%? Dann gehört ihr zu einer - diesbezüglich glücklicheren - Minderheit. 

Auch wenn wir uns in Bezug auf die Ehe (oder auf eheähnlichem Zusammenleben) gottseidank schon um einiges von den 50er Jahren entfernt haben - der Großteil der Paare lebt so, dass es einen Hauptverdiener gibt und das ist in der Regel der Mann.

Das hat verschiedene Gründe. Zum Beispiel soziokulturelle. Wir wachsen immer noch mit einer gewissen Prägung auf: Mädchen bekommen oft Puppen, Jungs Bagger zum Spielen. Und auch wenn in Bilderbüchern oder Kindergeschichten von heute die Mütter oft arbeiten gehen, sind sie doch auch diejenigen, die immer in der Küche abgebildet werden.

Darauf muss man nichts geben, aber Hand aufs Herz: wie lange nehmen die allermeisten Männer Elternzeit nach der Geburt eines Kindes? Wer bleibt in einer Partnerschaft erstmal in Teilzeit, während der andere in Vollzeit arbeiten geht? 

Es ist einfach Fakt, dass Frauen immer noch die meiste Care-Arbeit leisten, sich also mehr um die Kinder kümmern und auch den Haushalt schmeißen. Zu den “normalen” Erledigungen, die gemacht werden müssen, kommen dann noch die Dinge, die das Kinderleben einfach versüßen. Geschenke, die gekauft und verpackt werden, Deko zum Kindergeburtstag, das Nestchen zu Ostern, die Münze von der Zahnfee... das mag dir alles wie Kleinigkeiten vorkommen und vieles macht bestimmt auch einfach total Spaß. Aber das alles zu organisieren, nimmt einfach viel Platz ein in deinem Kopf.

Und dazu kommt nun noch das, was “Emotionsarbeit” genannt werden kann.

Emotionsarbeit vs. Mental Load

Die beiden Begriffe - Emotionsarbeit und Mental Load - werden oft durcheinander geworfen. Aber eigentlich bezeichnen sie ziemlich unterschiedliche Dinge. Ich finde aber auch, dass sie es beide wert sind, hier mal ein bisschen durchleuchtet zu werden. Wir wollen ja herausfinden, warum du - und so viele andere Menschen, v.a. junge Eltern - sich oft so erschöpft fühlen.

Emotionen und Arbeit... das sind zwei Begriffe, die für dich nicht zusammenpassen? Im ersten Moment wirkt es auf uns befremdlich. Darf man denn Gefühlsangelegenheiten mit (anstrengender) Arbeit in einen Topf werfen? 

Geh doch mal bitte die folgende Checkliste durch. Welche der Aussagen treffen auf dich zu? 

  • Meine Freunde fragen mich gern um Rat.
  • Ich bin immer für Andere da, wenn sie mich brauchen.
  • Wenn ein Freund in einer Krise ist, kann er mich jederzeit anrufen.
  • Ich kann sehr gut zuhören.
  • Mein Partner kann immer auf mich zählen.
  • Ich versuche immer, dass es zuhause möglichst harmonisch ist, auch wenn ich dafür meine Bedürfnisse zurückstellen muss.

Wieviele Häkchen hast du gerade gesetzt? Wenn es mehrere waren, oder vielleicht sogar alle, dann ist das erstmal nicht unbedingt schlecht. 

Wenn du dich aber öfter erschöpft fühlst, stell dir folgende Fragen: 

  • Stelle ich mich und meine Bedürfnisse vielleicht zu oft hinten an? 
  • Wenn ich merke, dass mir etwas gerade nicht gut tut, kann ich dann Nein sagen?
  • Kann ich selber Unterstützung gut annehmen? 
  • Und habe ich genug Anlaufstellen, wenn ich mal Kummer habe oder Hilfe brauche?

Diese Fragen können dir Anhaltspunkte dafür liefern, warum du dich oft wie ausgelaugt fühlst, denn das Geben und Nehmen, bzw. Bekommen sollte sich langfristig doch einigermaßen die Waage halten.

Emotionsarbeit

Der Begriff wurde bekannt durch die Arbeit der Soziologin Arlie Russell Hochschild und ihrer Studie von Anfang der 80er Jahre. Dabei geht es darum, wie Emotionen (hier erstmal im Arbeitskontext) angepasst werden können. Genauer gesagt: um die Art, wie Menschen ihre Emotionen regulieren, um in ihrem gesellschaftlichen Umfeld weiterhin gut “zu funktionieren”. 

Zwei Beispiele:

Die junge Frau an der Hotelrezeption, die ihr Lächeln bewahrt und freundlich bleibt, obwohl ein Gast sie beschimpft - obwohl er bei der Buchung einen Fehler gemacht hatte. 

Oder die Barkeeperin, die abends scheinbar gut gelaunt mit ihren Gästen scherzt, obwohl sich ihr Freund gerade von ihr getrennt hat.

Das sind zwei Beispiele aus Arbeitskontexten. Aber Emotionsarbeit wird auch ganz viel im privaten Bereich geleistet. Du tust es immer wieder überall da, wo du in Beziehung bist. Es ist damit aber nicht die Beziehung an sich gemeint. 

Das ganze Thema ist etwas komplex, daher kürze ich es etwas ab.

Wenn wir aufwachsen, dann “lernen” wir, wann welche Emotion angebracht ist - und wann wir welche Emotion auch bei Anderen erwarten können. Wir werden dabei von den Menschen um uns herum (erstmal natürlich besonders von den Eltern) angeleitet. Und so entwickeln wir auch eine gewisse Erwartungshaltung. In bestimmten Situationen erwarten wir von Anderen bestimmte Emotionen und Verhaltensweisen. Und andersherum wird das auch von uns erwartet.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Emotion so, wie sie erwartet wird. Dann ist alles gut, sozusagen. Oder aber es gibt eine Emotion, die sich nicht mit der Erwartung decken würde - wenn wir sie denn einfach so zuließen würden. In unseren Beispielen oben wäre das dann die Hotelrezeptionistin, die völlig entnervt den Gast anschnauzt oder die Barkeeperin, die vor ihren Gästen in Tränen ausbricht und ihnen alles von der Trennung erzählt. Beide Frauen kämen sicherlich damit in die Bredouille. 

Aber immer dann, wenn sich die erwartete Emotion nicht mit der bestehenden Erwartung deckt, dann ist das Emotionsarbeit.

Klingt anstrengend, oder? Ich erzähl dir das auch genau deswegen: um dir klar zu machen, dass du schon ganz viel leistest mit Dingen, die dir völlig selbstverständlich vorkommen mögen. Immer dann, wenn man umgangssprachlich “gute Miene zum bösen Spiel macht”, immer dann, wenn man sich anders gibt, als man sich fühlt, ist das harte Arbeit. 

Zum Beispiel, wenn man sich völlig gestresst und ausgelaugt fühlt, aber nochmal alle Kraft mobilisiert, um mit dem Kind zu lachen und zu spielen.

Mental Load

Mental Load bezieht sich als Begriff nicht direkt auf deine Emotionen, sondern bezeichnet diese Überladung deines Geistes, die entsteht, wenn du einfach an sehr vieles denken musst. Und das ständig. Im normalen Familienalltag umfasst das in etwa

  • die Essensplanung
  • das Einkaufen dafür, aber auch für alles andere (Putzmittel, Hygieneartikel, Haustierfutter oder -zubehör
  • den Haushalt allgemein (Putzen, Waschen und so etwas)
  • Mülltonnen termingerecht rausstellen, Sperrmüll bestellen
  • Finanzplanung (Banken, Versicherungen, Sparpläne)
  • Papierkram (Behörden, Rechnungen etc.)
  • Urlaubs- und Ferienplanung
  • Wochenendbesuche
  • Reparaturen, Renovierungsarbeiten
  • Fahrzeugwartung (Autos, Fahrräder…)
  • ggf. Gartenplanung und -pflege
  • ggf. Haustierversorgung

Und natürlich alles, was die Kinder betrifft - Moment, das ist so viel, das schlüsseln wir nochmal auf:

  • Fahrdienste, Vereinsarbeit
  • Arzttermine, Physio/Logopädie/Ergotherapie etc. (und die Rezepte dafür!)
  • weiteren Papierkram, z.B. Krankenkassenleistungen
  • Geburtstage, Geschenke besorgen bzw. Wünsche an Verwandte weitergeben
  • Klamotten (kaufen, ausbessern, kontrollieren, aussortieren, verkaufen…)
  • Kinder pflegen (baden, Frisör, Nägel schneiden)
  • Kindergarten- oder Schulorga (Hausaufgaben, Elternverein, An- und Abmeldungen…)
  • all die kleinen feinen Dinge, die Kinderleben schöner machen (Osterkörbchen planen, den Zahn unterm Kopfkissen zur Münze werden lassen (vll sogar mit etwas Glitzer auf dem Nachtschrank), die Geburtstagsdeko mit genau dem richtigen Motto…)

Bestimmt gibt es noch das eine oder andere, an das du ständig denkst, das ich jetzt in der Auflistung nicht erwähnt habe. Ich hab mal eine umfangreichere Auflistung gemacht und bin auf knapp 200 Aufgaben gekommen...  Also - du stimmst mir sicher zu - es ist alles verdammt viel.

Mal ganz ehrlich, wenn du an all das denken musst, ist es dann nicht völlig verständlich, dass du dich erschöpft fühlst?

Was bedeutet Mental Load für deine Beziehung?

Jetzt denkst du vielleicht: 

Naja, das sind wirklich viele Punkte in der Liste, aber mein Partner übernimmt auch sehr viel davon. Er geht einkaufen. Bringt die Kinder zum Fußballtraining. Telefoniert mit dem Finanzamt, weil ich das nicht so gern mache. Und er ist auch derjenige, der die Fahrräder repariert. 

Das ist wirklich wunderbar. Es gibt immer mehr Paare, die sich Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Kinderversorgung mehr oder weniger 50/50 teilen. 

Jetzt kommen wir aber zum großen ABER. 

Auch wenn das bei euch so ist (oder ihr ein anderes Arrangement habt, mit dem du dich eigentlich erstmal völlig wohl fühlst), kann es trotzdem so sein, dass du unter dem Mental Load leidest.

Warum ist das so?

Weil es trotzdem sein kann, dass du die mentale Last der Aufgaben trägst. Dass du daran denkst, dass die Kinder morgen zum Training müssen. Dass du weitergibst, wenn dein Kind dir meldet, das Fahrradlicht funktioniert nicht (und es muss am Montag aber schon im Dunkeln morgens los). Dass du den Brief vom Finanzamt geöffnet, gelesen und über den Inhalt nachgedacht hast, um deinen Partner dann vielleicht zu fragen, ob er den Anruf übernehmen könnte. Und dass du selbstverständlich alle fehlenden Lebensmittel immer sofort in die Einkaufsliste einträgst und immer im Blick hast, wann der Sprudel nachgekauft werden muss.

Wir schauen uns jetzt die beiden Hauptprobleme an, die bei Mental Load entstehen können und auf Schwierigkeiten in der Kommunikation von Paaren basieren. Danach kommen wir gewissermaßen zur Hauptproblematik - wie der Dauerstress zu einer Ehekrise führen kann.

Problem Nr. 1: Verantwortung verteilen

Auch, wenn man seinen Partner um alles konkret bitten muss, sorgt das für Mental Load. Wenn er also nicht von alleine sieht, dass der Geschirrspüler ausgeräumt werden muss. Oder wenn dir Sätze wie “Erinnere mich bitte später nochmal dran!” oder “Sag Bescheid, wenn ich dir helfen kann!” sehr bekannt vorkommen. 

Denn was passiert in diesen Momenten?

Du bekommst einfach die Verantwortung dafür, dass etwas gemacht wird, das gemacht werden muss. Es kann gut sein, dass sich dein Partner gar nicht bewusst ist, dass er dich mit solchen Sätzen eben nicht entlastet - denn vermutlich wollte er dir ja wirklich seine Hilfe anbieten.

Du wirst gewissermaßen zur Familienchefin gemacht, die entscheiden soll, erinnern soll, delegieren soll - ganz selbstverständlich. Und natürlich ist es eine Entlastung, wenn du nicht alles alleine machen musst, sondern Aufgaben verteilen kannst. 

ABER: Die Organisation findet ja trotzdem in deinem Kopf statt. Selbst wenn du Dinge delegieren kannst - solange du weiterhin nachhalten musst, ob die Sache erledigt ist, sind sie nicht aus deinem Kopf raus. Sie stehen im Grunde immer noch auf deiner inneren To-do-Liste und kosten dich Energie.  

Findest du das jetzt beim Lesen auch schon anstrengend? Das liegt daran, dass es anstrengend ist. Für deinen Kopf, für dich.

Und letztlich sorgt natürlich diese ungewollte “Beförderung” zur Familienchefin auch für ein Ungleichgewicht in eurer Beziehung.

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Jetzt kommen wir zu einem weiteren Punkt: 

Problem Nr. 2: Verantwortung abgeben

Nämlich, dass das Abgeben von Verantwortung wirklich schwierig sein kann. 

Ich meine damit, die Verantwortung für eine Sache wirklich abzugeben und das auch bis zum Schluss durchzuziehen.

Ein Beispiel dazu:

Als Ben und Anna sich kennengelernt haben, hat Ben regelmäßig für Anna gekocht. Er hat das immer ganz gern gemacht und sich dabei ganz ohne Kochbuch kreativ am Herd ausgelebt. Als Anna dann mit dem Baby erstmal zuhause bleibt, hat es sich einfach so ergeben, dass sie immer für die Familie kocht. Es wurde einfach gemacht, ohne dass sie das konkret gemeinsam entschieden hätten und auch beibehalten, als Anna längst wieder arbeiten geht.

Am Wochenende möchte Ben nun mal kochen, auch, weil Anna schon genug auf ihrer To-do-Tagesliste hat. Anna freut sich darüber und überlässt Ben die Küche. Er fängt an, dort zu wirbeln, wie damals, ohne Kochbuch, ganz spontan. Anna geht derweil anderen Tätigkeiten nach, sie lauscht aber immer ein bisschen zum Geklapper in der Küche hin. Sie fühlt sich etwas nervös...weiß Ben, dass der Kleine gerade keine Paprika und keinen Brokkoli mag? Ob er wohl den Schnellkochtopf nach dem Benutzen direkt ausspült, weil der so blöd zum Einweichen ist? 

Irgendwann wird es Anna zu viel. Sie geht in die Küche, schaut Ben über die Schulter, wirft ihm ein gut gelauntes “Ich helf dir mal!” zu und nimmt ihm den Topf aus der Hand. “Die Kartoffeln brauchst du aber gar nicht schälen, die sehen doch top aus!” sagt sie. Und “Komm, ich schäl das hier gerade. Das geht bei mir viel schneller.” Ben ist entnervt. Anna hat ihn aus seinem Koch-Flow gerissen. Gerade hatte er sozusagen noch die Kochmütze auf und jetzt kommt Anna und degradiert ihn zur Küchenhilfe. Er fühlt sich kritisiert und nicht wertgeschätzt. Er macht lustlos weiter. Soll sie halt machen, denkt er sich, ich bin raus.

Was ist hier passiert? 

Es gab den Vorsatz, Verantwortung abzugeben. Das ist schonmal gut! Leider hat es Anna aber dann doch nicht geschafft, diese Verantwortung auch wirklich bei Ben zu lassen. Sie war weiterhin in das Geschehen in der Küche involviert, wenn auch von weiter entfernt. Ihre Gedanken waren dort, sie hat sich Sorgen gemacht, dass etwas nicht “richtig” gemacht werden könnte. Sie hat weiterhin die Rolle der “Familienchefin” eingenommen, 

Das Ergebnis: Der Mental Load bei Anna wurde nicht reduziert, es gab für sie keine Entlastung.

Das andere Ergebnis: Ihr Partner, der sie entlasten wollte, wurde dabei durch Annas gut gemeintes Verhalten entmutigt und ist sicherlich zukünftig erstmal nicht mehr so motiviert. 

Das ist natürlich nur ein Beispiel. Aber ich habe wirklich mit sehr vielen Beziehungen zu tun, in denen Frauen unter Mental Load leiden. Und in praktisch allen sind solche Situationen in der ein oder anderen Form Alltag.

Das Problem dabei: wir übernehmen in unseren Beziehungen alle bestimmte Rollen und verhalten uns dann auch dementsprechend. Das machen wir nicht bewusst. Aber wenn du dich regelmäßig so wie die Familienchefin verhältst (“ich entscheide, was hier wie gemacht wird”), dann wird dein Partner das im Zweifel einfach akzeptieren. Und wenn ihr euch erst einmal in diese Rollen eingelebt habt (du gibst Anweisungen, dein Partner führt sie aus), wird es zu einer Gewohnheit. Leider wird es mit der Zeit einfach immer schwieriger, die zu verändern. 

Wenn du schonmal versucht hast, dein Essverhalten zu ändern oder mit regelmäßigem Sport anzufangen und daran gescheitert bist, dann hast du das selbst erlebt. 

Mütterbashing, Väterbashing… und keine Lösung?

In der Diskussion über die vielen Anforderungen in jungen Familien und die Aufgabenverteilung zwischen den Elternteilen gibt es immer wieder 2 Sorten Texte: 

Einmal die, welche die Schuld für die Misere ganz klar bei den Vätern sehen (s.o. Problem Nr. 1: Verantwortung verteilen). 

Und dann die, die sagen: Mütter, ihr seid selbst schuld, ihr lasst Hilfe ja nicht zu (s.o. Problem Nr. 2: Verantwortung abgeben).

Für letzteres gibt es einen schmissigen Begriff: Maternal Gatekeeping. Heißt: Papa würde so gerne mehr machen, aber Mutti traut ihm das nicht zu und überlässt ihm nicht das Feld. 

Das eigentliche Problem ist ein gesellschaftlich gewachsenes Problem, ein strukturelles. So ist es immer noch in vielen Branchen sehr unüblich, dass Väter Elternzeit nehmen - und wenn doch, dann bitte nicht länger als die 2 Monate. Teilzeit wird auch nicht gern gesehen, Karriere kann man(n) so eher nicht machen. Gilt übrigens auch für Frauen. Wer Teilzeit arbeitet, kann eben keine großen Projekte mehr übernehmen. 

Kinderbetreuungsplätze sind vielerorts schwer zu bekommen. Oft gibt es nur Halbtagsangebote und die Ferienschließzeiten bringen viele Familien an den Rand des überhaupt Organisierbaren….wenn man nicht gerade betreuungswillige und -fähige Großeltern um die Ecke hat.

Letztlich drängt das viele Paare dann eben in die Rollenverteilung: einer zuhause, der andere geldverdienend. Und dann sind wir wieder bei dem Punkt Karriereknick und auch bei dem Fakt, dass Männer immer noch oft mehr Geld verdienen als Frauen. Zum Beispiel, weil Frauen deutlich häufiger in (schlechter bezahlten) sozialen Berufen arbeiten.

Und tadaaa! So landen wir in der ganz klassischen, alten Rollenverteilung: Frau zuhause, Mann arbeitend.

Nach der Elternzeit

Geht die Mutter dann aber nach der Elternzeit doch auch wieder arbeiten (um Geld zu verdienen oder auch einfach, um mal wieder “raus” zu kommen), kann sie eigentlich nicht mehr weiterhin zu 100% den Haushalt schmeißen. Aber: sie macht die Arbeit einfach schon länger, ist vertrauter mit den Kindern und allen Abläufen. 

Wenn dann der Vater versucht, sich mehr einzubringen, kann schnell Spannung entstehen. Weil er Dinge anders anpackt, weil ihm die Übung fehlt, weil er noch nicht den Blick für die Feinheiten der Herausforderungen entwickelt hat. Und vergessen wir nicht: vermutlich arbeitet er auch weiterhin voll in seinem Job. Die Nerven können da schnell blank liegen, wenn wir uns persönlich kritisiert fühlen. Auch, wenn der Partner eigentlich konstruktiv unser Handeln kritisieren wollte.

Ist es jetzt die Lösung, zu sagen: Männer, ihr könnt es einfach nicht? Oder zu sagen: Frauen, lasst sie doch auch halt einfach mal machen?

Ich glaube, beides macht keinen Sinn. Denn Mental Load ist eine Dynamik in modernen Partnerschaften, für die keiner von beiden etwas kann. Das eigentliche Problem ist, dass der Weg in den Mental Load zunächst durch die gerade beschriebenen Rahmenbedingungen begünstigt wird. Und wenn man erst einmal drin steckt, sind die Auswirkungen auf die Partnerschaft häufig so katastrophal, dass sich daraus eine Abwärtsspirale entwickelt, die jedes Jahr glückliche Beziehungen zerstört und zehntausende Scheidungen verursacht.

Die Auswirkungen von Mental Load auf eure Beziehung

Der Großteil meiner Klientinnen mit Eheproblemen hat mit dem Thema Mental Load zu kämpfen. Vielleicht erkennst du dich ja auch in einem der Zitate wieder:

“Ständig gibt es so viel zu erledigen und zu organisieren und da bleibt dann zu wenig Kraft übrig, um schöne Dinge in der Partnerschaft zu machen.”

“Alles dreht sich nur noch um die Arbeit und die Kinder. Wir haben vor allem Stress und Zeitmangel - freie Paarzeit gibt es bei uns nicht mehr.”

“Der Alltag frisst mich auf und raubt mir so viel Kraft. Es fällt mir so schwer, in diesem Zustand auf meinen Mann zuzugehen.”

Das “Zuviel” an allen Ecken und Enden hat vor allem eine Wirkung: Es wird die Zeit und Kraft, die für die unbedingt zu machenden Dinge NÖTIG scheinen, dort abgeknappst, wo es möglich ist.

Und wo ist es erstmal möglich?

Dort, wo es im ersten Moment keine unmittelbaren, unangenehmen Folgen hat.

Wenn du dir nicht die Zeit zum Einkaufen nimmst und dann keine Energie hast, zu kochen (und es kein Anderer für dich übernimmt), dann hat deine Familie abends nichts zu essen. Alle werden vermutlich sehr schlecht gelaunt sein und niemand möchte seine Kinder hungrig zu Bett schicken.

Nimmst du dir nicht die Zeit, dein Auto vollzutanken, dann wird der Tank irgendwann leer sein und du bleibst liegen.

Aber wenn du nach so einem anstrengenden Tag keine Energie mehr für Gespräche, schöne Momente, Zärtlichkeiten oder Unternehmungen mit dem Partner hast, dann hat das erst einmal keine Auswirkungen. Kurzfristig. Nur, wenn das eine Weile so bleibt, dann entfernt ihr euch Schritt für Schritt immer weiter voneinander.

Denn im Grunde ist es ähnlich wie bei deinem Auto. Nehmt ihr euch nicht die Zeit für eure Beziehung, dann ist auch euer Tank irgendwann leer - und eure Beziehung bleibt auf der Strecke.

“Unsere Beziehung war liebevoll und harmonisch, doch mit zwei Kleinkindern ist wenig Zeit, sich auszutauschen, wodurch schnell etwas falsch verstanden wird. Auf jeden Fall sind beide Seiten schneller beleidigt und für eine Versöhnung bleibt auch keine Zeit. So überwiegt bei uns das Neutrale oder Negative…”

So beschreibt es eine meiner Klientinnen. Im Geiste sehe ich dabei eine Distanz zwischen den beiden, die Tag für Tag ein kleines bisschen größer wird… Und die nach Monaten und Jahren dazu führt, dass sich auch ein früher schwer verliebtes Paar auf einmal nur noch wie Mitbewohner in einer schlechten WG vorkommen kann...

Mental Load, der Beziehungskiller… Es ist schon einmal wichtig, dass du das jetzt erkannt hast. Die Frage ist nur: Wie kannst du deine Ehe retten und wirst ihn wieder los?

Mental Load: Das vermeintliche Gegenmittel

In der Theorie ist es ja ganz einfach… Ihr sprecht einmal über das Thema. Dein Partner begreift, wie schwierig das für dich ist und wie es eure Beziehung sabotiert. Dann übernimmt er viel mehr im Haushalt, erledigt alles, was ihr besprochen habt und ihr reitet auf einem Einhorn in den Sonnenuntergang…

Also das Einhorn ist optional, aber kommt aus dem gleichen Tagtraum. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass es sich so in eurer Beziehung abspielen wird, ist… na ja, sagen wir mal: übersichtlich.

Die Wahrheit ist, dass keiner von euch etwas dafür kann. Aber ihr habt euch gemeinsam in diesen Schlamassel geritten. Und der Weg wieder raus ist leider nicht so einfach. 

Denn:

  1. 1
    Du füllst die Rolle als Familienchefin schon länger aus. Von daher kommunizierst du mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr häufig in einer Art, die NICHT dafür sorgt, dass dein Partner sich mehr einbringt (Kontrolle, Kritik, eigene Maßstäbe, etc.).
  2. 2
    Dir ist nicht so wirklich klar, was genau an deinem Verhalten dafür sorgt, dass dein Partner immer passiver wird. Wahrscheinlich hast du bis vor diesem Artikel nicht einmal daran gedacht, dass dein eigenes Verhalten mit zu der Passivität deines Partners im Haushalt beitragen könnte.
  3. 3
    Je nachdem, wie lange und intensiv eure Beziehung schon unter der Situation gelitten hat, hat dein Partner vielleicht gar keine Lust, sich zu ändern, um “dir einen Gefallen zu tun”. Denn du musst vor allem Dinge sein lassen. Dein Partner muss aber viele Dinge anfangen, damit sich die Situation verbessert. Das ist schon schwierig, wenn man(n) wirklich motiviert ist. Aber wenn dein Mann heute schon sehr passiv ist, garantiere ich dir, dass auch er von eurer Beziehung gefrustet ist. Und es läuft dann darauf hinaus, dass ER viel mehr tun muss, damit es DIR besser geht.
  4. 4
    Selbst wenn er einsieht, dass so eine Veränderung notwendig ist und anfängt, sich zu bemühen, wird er viele Dinge garantiert nicht so machen, wie du sie machen würdest. Das sorgt früher oder später dafür, dass du in der ein oder anderen Situation wieder in deine alte Rolle verfällst (Siehe Punkt 1 und 2). Und eh du dich versiehst, sind alle Fortschritte dahin und dein Partner ist so passiv wie vorher.

Die häufige Folge:

  1. Du hast dich jetzt intensiv damit beschäftigt, wie unfair die Aufgaben bei euch verteilt sind. Auf dein Drängen habt ihr versucht es zu ändern, aber es hat sich nichts geändert. Du bist noch mehr gefrustet als vorher und kritisierst und nörgelst mehr denn je an deinem Partner herum.
  2. Merkwürdigerweise führt das nicht dazu, dass sich irgendetwas bessert. Dein Partner wird nur feindseliger und eure Beziehung steuert noch schneller auf den Abgrund zu.

Mental Load ist aktuell wahrscheinlich der größte Beziehungskiller. Und er entsteht durch eine komplexe Dynamik in Beziehungen, an der weder der Mann noch die Frau Schuld trägt.

Ohne diese Dynamik wirklich zu durchschauen wird die vermeintlich offensichtliche Lösung - den Partner mit der Situation zu konfrontieren und die Aufgaben anders zu verteilen - in vielen Beziehungen leider zu einem Bumerang und macht alles nur noch schwieriger.

In Kürze biete ich wieder einen Live Workshop (digital) an, indem ich den Teilnehmern helfe, diese Dynamik zu durchschauen und einen klaren Plan zu entwickeln, wie sie Schritt für Schritt diese Situation verändern können. 

Wenn du Interesse daran hast teilzunehmen, trag hier deinen Vornamen und deine E-Mail-Adresse ein und ich melde mich bei dir, sobald es Neuigkeiten gibt.

Niklas Löwenstein


Muss ich mich wirklich trennen, oder gibt es noch Hoffnung? Niklas war kurz davor, seine Ehe gegen die Wand zu fahren... Um seine Kinder vor einer Scheidung zu bewahren und wieder glücklich werden zu können, stürzte er sich auf alles, was seiner Beziehung vielleicht helfen konnte. Aus dieser Suche wurde erst ein Hobby und dann nach und nach seine Lebensaufgabe. Heute ist seine Ehe glücklicher als je zuvor und er hilft mit seinen Artikeln, Büchern und Programmen hunderttausenden dabei, auch wieder glücklichere Beziehungen zu führen.

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