Nähe-Distanz-Problem: 9 Strategien zum Brückenbauen

von  Niklas Löwenstein

Vielleicht hast du schon mal vom Nähe-Distanz-Problem gehört. Das würde mich nicht wundern, denn es ist ein ganz typischer Konflikt in Paarbeziehungen. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir uns diese Themen mal genauer anschauen. Was genau versteht man unter dem doch etwas sperrigen Begriff? Warum ist es so oft ein Problem in Partnerschaften? Und wie schaffen wir es, damit so umzugehen, dass unsere Beziehung diesen Konflikt übersteht?

Was ist überhaupt ein Nähe-Distanz-Problem?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass du das kennst: Wenn Zwei sich treffen und ineinander verlieben, ist erstmal alles eitel Sonnenschein. Die Liebe ist ganz frisch und wir haben eine rosarote Brille auf. Daher sehen wir über so manche Unterschiede sehr großzügig hinweg. Eigentlich aber ist es natürlich so, dass zwei Menschen immer auch verschiedene Bedürfnisse haben. Und das betrifft insbesondere das Bedürfnis nach Nähe oder eben nach dem, was manche vielleicht “Freiheiten” nennen mögen. Beide Bedürfnisse haben natürlich etwas Gegensätzliches und das ist dann der Punkt, an dem das Problem anfängt.

Und was ist die Nähe-Distanz-Störung?

Wenn du dich mit diesen Themen schonmal beschäftigt hast, dann ist dir der Begriff vielleicht auch schon als “Störung” begegnet. Eine Störung bezeichnet allerdings eine wirklich erhebliche Dysfunktionalität. Zum Beispiel, wenn eine Person sehr große Bindungsangst hat, beispielsweise aufgrund von traumatischen Ereignissen in der Kindheit. Wenn du das Gefühl hast, dass es bei dir diese Ausprägung haben könnte, solltest du dich damit an einen Experten wenden. Such dir die richtige Unterstützung für dich. Ein erster Ansprechpartner kann für dich dein Hausarzt sein, der dir bei deiner Suche nach dem für dich richtigen Psychotherapeuten helfen kann.

Nähepartner und Distanzpartner - das Ungleichgewicht

Kommen wir nun aber zu dem Punkt, warum ganz normale, natürliche Bedürfnisse von uns Menschen so viel Konfliktpotential in sich bergen. Oft ist es nämlich so, dass einer der Partner sich mehr Nähe wünscht als der andere. Wenn der Andere dagegen vielleicht sogar ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Freiheiten hat - gewissermaßen nach Distanz -, dann haben wir ganz schnell ein großes Beziehungsproblem.

Das Bedürfnis nach Nähe

Der  “Nähepartner” hat ein großes Bedürfnis nach Austausch, nach körperlicher Zuwendung und viel Zeit zu Zweit. Oft ist dieser Partner der fürsorgliche Part in der Beziehung, er umsorgt gern und tut dem Anderen Gutes, verwöhnt ihn. Dafür erwartet er aber oft auch die entsprechende Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und den Zuspruch des Anderen, auch in Form von Küssen, Kuscheln und Umarmen. 

Problematisch wird es, wenn der andere Partner diese Erwartungen eben nicht erfüllt, weil seine Bedürfnisse sich davon deutlich unterscheiden. Dann droht der “Nähepartner” seine Liebste oder seinen Liebsten förmlich zu erdrücken. Er engt ihn ein, nimmt ihm mit seinem Nähebedürfnis die Luft zum Atmen. Zieht sich der Andere dann jedoch mehr zurück, fühlt sich der Nähepartner schnell abgelehnt und hat Angst, verlassen zu werden

Das Bedürfnis nach Distanz

Auch in Beziehungen sind wir nicht 24 Stunden am Tag mit unserem Partner zusammen. Normalerweise geht jeder auch einem ganz eigenen Alltag nach - die eigene Arbeit (auch Care- oder Hausarbeit), eigene Freunde, eigene Eltern/ Familie. Aber unsere Bedürfnisse nach eigenem Raum können dennoch sehr unterschiedlich sein. Es gibt Menschen, nennen wir sie hier mal den vorhergehenden Kapiteln entsprechend “Distanzpartner”, die, auch wenn sie in einer Beziehung sind, ein sehr großes Bedürfnis danach haben, Zeit ohne ihren Partner zu verbringen. Das Problem dabei: Der Andere kann sich schnell ungeliebt fühlen und zu wenig beachtet oder gar respektiert. 

Frauen und Männer - und die Nähe und Distanz

Ich will jetzt nicht anfangen von “Frauen sind von der Venus und können nicht einparken”, aber du ahnst es vielleicht schon…ohne Klischees bedienen zu wollen: Häufig sind es die Frauen, die in einer heterosexuellen Beziehung diejenigen sind mit einem größeren Bedürfnis nach Nähe. Und Männer sind - leider auch ganz schön klischeehaft - die, die in der Regel den größeren Drang nach Freiheit, also das größere Bedürfnis nach Distanz haben. Ausnahmen bestätigen hier natürlich die Regel und daher ist das auch nur eine kleine Randnotiz - falls du dir die Frage nach der Geschlechterverteilung gestellt hast.

Unterschiedliche Bedürfnisse in der Beziehung

Hast du dich und deinen Partner in diesem Artikel bisher wiedergefunden? Denkst du jetzt vielleicht: Mensch, ja, so ist das bei uns, das sind wir! - dann wirst du dich sicher auch fragen, was ihr in der Situation jetzt tun könnt. Dabei ist es ganz wichtig, zu verstehen, dass das Nähe- oder Distanzbedürfnis bei Jedem dynamisch ist. Das heißt, beide Bedürfnisse können sich in ihrer Ausprägung immer mal wieder ändern. Natürlich kann es auch im Leben eines Partners, der eigentlich viel Raum für sich braucht, Phasen geben, in denen er sich mehr Nähe wünscht. Und auch ein Nähepartner kann hier und da einen plötzlichen Freiheitsdrang verspüren oder phasenweise weniger Nähe brauchen. Wenn man das ganze Problem also nicht als unveränderlich begreift, dann kann man als Paar plötzlich ganz viel tun, um trotz der Unterschiede eine schöne Beziehung zu führen. 

Lösungsstrategien - 9 Tipps, um das Problem zu überwinden

Hier kommen nun also die Strategien, die euch immer wieder dabei helfen können, eine Brücke zwischen euch zu bauen, wenn eure Unterschiede mal wieder unüberwindbar - und unvereinbar miteinander - scheinen.

1. Aufmerksam sein

Ihr habt festgestellt, dass es immer wieder zu Konflikten kommt, weil einer von euch mehr Nähe möchte, als es der andere eigentlich geben möchte? Für euch ist es ganz wichtig, aufmerksam zu sein und einander zuzuhören. Was braucht mein Partner für sich? Was brauche ich? Und wie können wir einander entgegenkommen?

2. Einen Schritt zurücktreten 

Damit die Konflikte nicht dauernd eskalieren, ist es wichtig, den Partner als Ganzes zu sehen. Wenn du mehr Nähe willst, was für ihn aber nicht möglich ist, fühlst du dich wahrscheinlich abgelehnt. Aber nicht DU wurdest abgelehnt, sondern dein Partner hat das Bedürfnis nach mehr Raum. Versuche, in so einem Moment das (Distanz-) Bedürfnis deines Partners wahrzunehmen und seine Reaktion nicht persönlich zu nehmen.

3. Im Austausch bleiben

Natürlich ist dieses “einen Schritt zurücktreten und nichts persönlich nehmen” wirklich nicht leicht. Umso mehr rate ich euch, eure Kommunikation miteinander ernst zu nehmen. Der Austausch zwischen euch ist, wenn ihr sehr unterschiedliche Bedürfnisse habt, sehr wichtig. Haltet euch gegenseitig auf dem Laufenden. Was ist bei dir gerade so los, wie geht es dir? In meinem Artikel Ehe retten habe ich die Methode des Zwiegesprächs näher erläutert. Das ist eine Variante des Gesprächs, wenn z.B. euer Alltag die kleineren “Zwischendurchgespräche” weniger zulässt.

4. Verständnis entwickeln

Bedürfnisse kommen meistens nicht von ungefähr. Oft sind sie ein Ausdruck einer bestimmten Prägung, die wir schon als Kinder mitbekommen haben. Wenn einer von euch ein sehr großes Distanzbedürfnis hat, könnte das auch ein Ausdruck von einer grundsätzlichen Bindungsangst sein. Daher ist es gut, wenn ihr im Laufe eurer Beziehung auch mal ein Auge hierauf werft: Wie war das in meiner Familie so mit der Nähe? Wie gingen unsere Eltern miteinander um, was haben sie uns vorgelebt? Welche Menschen haben noch mein Bild von Beziehungen geprägt? Diese Reisen in die Vergangenheit können sehr spannend sein und sie können für euch auch einen richtigen Schatz in sich bergen, mit dessen Hilfe ihr euch noch viel weiter kennenlernen könnt.

5. Kompromisse suchen

Wenn man die Unterschiedlichkeiten identifiziert hat und auch darin geübt ist, diesen Konflikt nicht persönlich zu nehmen, löst das das Problem leider noch nicht. Denn der Unterschied bleibt, auch wenn er und vielleicht auch seine Ursachen nicht mehr im Dunkeln liegen - und es vielleicht deshalb auch ein bisschen weniger schmerzt. Was ihr dennoch braucht, wenn ihr sehr unterschiedliche Bedürfnisse habt: Toleranz und Kompromissbereitschaft. Der Distanzpartner geht also, wenn es ihm möglich ist, auch mal einen Schritt auf den Nähepartner zu. Im wahrsten Sinne des Wortes und wirklich nur, soweit es ihm möglich ist. Der Nähepartner gesteht dem Distanzpartner seinen Abend mit seinen oder ihren Freunden zu, auch wenn er gern etwas mit ihm zusammen verbracht hätte - aber heute nutzt er die freigewordene Zeit, um mal wieder mit dem Bruder oder der besten Freundin zu telefonieren. Beide Partner vertrauen dabei darauf, dass der andere seine Bedürfnisse kennt, respektiert und eben nach Möglichkeit erfüllt. Das schafft Entspannung und diese wiederum kommt eurer Beziehung direkt zugute.

6. Gemeinsamkeiten pflegen

Bei allen Unterschieden - ihr habt eine ganz wichtige Sache gemein: ihr liebt euch. Eure Liebe ist die Basis eurer Beziehung. Und mit Sicherheit gibt es eine ganze Menge, die ihr noch gemeinsam habt…egal, ob das die Leidenschaft für Star Trek, das Interesse an Kunstgeschichte oder Kochexperimente in der Küche sind. 

Pflegt eure Gemeinsamkeiten. Genießt, dass ihr gemeinsam Dinge tun könnt, bei denen ihr Spaß habt und miteinander harmoniert. Wenn einmal so ein großer, grundsätzlich wirkender Konflikt wie das Nähe-Distanz-Problem im Raum steht, bleibt oft der Spaß an der Beziehung selbst auf der Strecke. Ihr seid aber nicht das Nähe-Distanz-Problem, ihr seid ein Paar mit so einigen Gemeinsamkeiten.

7. Unterschiede feiern

Und so wichtig die gemeinsamen Aktivitäten und Interessen auch sind, lernt auch eure Unterschiede zu schätzen. Natürlich fühlt es sich nicht schön an, wenn ich am liebsten jeden Abend mit meinem Schatz verbringen möchte - und er oder sie aber auch mal alleine mit den eigenen Freunden ausgehen will. Das schmerzt. Wenn man es dann aber schafft, einen Schritt zurückzutreten (siehe Punkt 2!) und sich zu sagen: Okay, nicht ich werde abgelehnt, weil er (mein Partner) mich nicht liebt, sondern er möchte einfach nur etwas Zeit mit anderen verbringen, kannst du mit der Zeit mehrere Vorteile entdecken: 

  • Erstens: Dein Partner freut sich über dein Verständnis und deinen Respekt vor seinem Bedürfnis. 
  • Zweitens: Du hast die Zeit, dich ebenfalls mit deinen Freunden oder deiner Familie zu treffen oder eigenen Hobbys nachzugehen. 
  • Drittens:  Ihr habt dann beide etwas zu erzählen, wenn ihr euch wiederseht.
  • Und viertens: Vielleicht habt ihr euch sogar beide vermisst, weil ihr mit einem guten Gefühl auseinander gegangen seid. Und so ist das Wiedersehen noch schöner. So kann Distanz sogar Nähe schaffen.

8. Rituale finden

Manchmal ist es wirklich schwierig, sich regelmäßig auszutauschen und gemeinsame Zeit freizuschaufeln. Gerade, wenn man Kinder hat, scheint es für Paare fast schon unmöglich. Da kann es helfen, sich wirklich bewusst und verbindlich miteinander zu verabreden - auch, wenn man zusammen unter einem Dach lebt und einem das komisch vorkommen mag. Eine schöne Möglichkeit ist das Zwiegespräch, das ich bereits erwähnt habe. Im Artikel Ehe retten findest du Genaueres dazu. Aber es gibt viele Möglichkeiten, eure Beziehung auch Zuhause - wenn ihr Kinder habt und diese schlafen - wieder aufleben zu lassen, beispielsweise durch Mini-Dates am Abend. Wenn dir dafür die Ideen fehlen, habe ich mit meinen 111 Zuhause-Dates genau das richtige E-Book für dich.

9. Unterstützung suchen 

Unterschiedliche Bedürfnisse können eine ganze Menge Konflikte verursachen und manchmal ist nicht so einfach ersichtlich, welches Gefühl überhaupt woher kommt. Somit kann es sehr hilfreich sein, mal professionelle Hilfe mit ins Boot zu nehmen. Das kann ein Paartherapeut sein oder ein Beziehungscoach. Vielleicht hast du auch beim Lesen dieses Artikels - oder früher schon - den Verdacht, dass bei dir nicht alles unkompliziert läuft. Dass du Bindungsangst haben könntest oder in jeder bisherigen Beziehung immer schreckliche Angst hattest, verlassen zu werden. Dann könnte eine Begleitung durch einen Therapeuten auch für dich allein sehr sinnvoll sein. Was du oder ihr bei der Suche nach dem richtigen Angebot beachten solltet, habe ich in meinem Artikel Eheberatung zusammengetragen.

Warum kann Distanz überhaupt Nähe schaffen?

Es scheint ja erst einmal ein Widerspruch in sich zu sein…und vielleicht bist du schon im vorigen Kapitel darüber gestolpert: Größere Distanz führt zu größerer Nähe? Wie geht das?

Nun, wir können davon ausgehen, dass auch der Distanzpartner seinen Partner durchaus liebt, auch wenn er dieses Bedürfnis nach permanenter Nähe nicht hat. Wir sprechen also nicht von “weniger Liebe”, nur von einer anderen Bedürfnislage.

Wenn sich ein Paar sozusagen auf halber Strecke entgegenkommen kann und der Distanzpartner die Möglichkeit hat, seine Freiheiten größtenteils auszuleben, dann können sich auch Gefühle wie Sehnsucht und Vermissen wieder einstellen - und diese können die Liebe durchaus stärken. So kann die gemeinsam verbrachte Zeit mit größerer Verliebtheit, mit mehr Nähe und Leidenschaft gefüllt werden - was dem Nähepartner ja in seinen Bedürfnissen sehr entgegenkommt.

Quelle: Buch - Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst: Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen

Niklas Löwenstein


Muss ich mich wirklich trennen, oder gibt es noch Hoffnung? Niklas war kurz davor, seine Ehe gegen die Wand zu fahren... Um seine Kinder vor einer Scheidung zu bewahren und wieder glücklich werden zu können, stürzte er sich auf alles, was seiner Beziehung vielleicht helfen konnte.

Aus dieser Suche wurde erst ein Hobby und dann nach und nach seine Lebensaufgabe. Heute ist seine Ehe glücklicher als je zuvor und er hilft mit seinen Artikeln, Büchern und Programmen hunderttausenden dabei, auch wieder glücklichere Beziehungen zu führen.

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