Mein Partner versteht alles als Vorwurf: Wie änder ich das?

von  Niklas Löwenstein

Manchmal erinnerst du dich sehnsüchtig daran, wie es zu Beginn eurer Beziehung war. Ihr habt euch eure Wünsche gegenseitig an den Augen abgelesen – und wenn ihr dabei falsch gelegen habt, dann habt ihr euch darüber amüsiert statt geärgert. Jetzt dagegen hast du das Gefühl, dein Partner versteht einfach alles, was du sagst, als Vorwurf. Manchmal bist du dir sogar sicher, dein Partner hört absichtlich überall Vorwürfe.

Du bist genervt von dieser Situation, was ihn wiederum auch nervt. Und schon bewegt ihr euch in einer gefährlichen Abwärtsspirale tief nach unten. Immer mehr Vorwürfe werden laut. Meist entzünden sich eure Streits an Kleinigkeiten. Dann werden sie durch immer krassere Kritik genährt und schon schreit ihr euch an, obwohl euch beiden klar ist, dass das Thema eigentlich gar nicht so wichtig war.

Versteht dein Partner auch alles als Vorwurf?

Bestimmt hast du schon mit einer Freundin oder einem Freund darüber gesprochen und festgestellt, dass es nicht nur dir so geht. In relativ vielen Beziehungen kommt irgendwann der Punkt, an dem sich beide falsch verstanden fühlen. Es gibt einige ganz typische Diskussionspunkte, in denen es vorkommt, dass der Partner alles als Vorwurf versteht:

  • Die Aufteilung der Pflichten zu Hause: Gerade, wenn ihr nicht beide Vollzeit arbeiten geht, entsteht oft ein Gefälle bei der Haushaltsarbeit. Wie viel erledigt wer? Und was ist gerecht, angesichts euer ungleichen Arbeitsteilung? Besonders problematisch wird das, wenn die Care-Arbeit für Kinder oder andere Familienmitglieder ebenfalls hauptsächlich an einer Person hängen bleibt.
  • Die Änderung des Arbeitsumfeldes oder des Arbeitsumfangs: Wir definieren uns häufig über die Leistung, die wir bringen. Und auch andere definieren wir darüber. Wenn sich unser Arbeitsumfeld ändert, ändert sich unsere Wahrnehmung.
  • Unser Umfeld ändert sich: Durch einen Umzug, eine Änderung im Wohnumfeld oder den Zuzug neuer Menschen ändert sich unser Umfeld stark.

All diese Situationen haben eines gemeinsam: Die Erfüllungsmöglichkeiten für unsere Bedürfnisse ändern sich. Das ist erstmal nichts Schlimmes. Das Leben ist Veränderung. Also verändern wir uns mit. Problematisch wird diese Veränderung im Zusammenspiel mit etwas, das sich in der Forschung Closeness Communication Bias nennt: 

Die Closeness Communication Bias

Wörtlich übersetzt bedeutet es so viel wie Voreingenommenheit in der Kommunikation wegen großer Nähe. Und das sagt eigentlich auch schon ganz gut, was damit gemeint ist:

Lernst du eine Person neu kennen, ist dir klar, dass du erklären musst, was du meinst. Wenn du einen Mann zu dir zum Abendessen einlädst, besprecht ihr den Ort und die Uhrzeit genauso wie verschiedene Details: Was isst er gerne, wogegen ist er allergisch? Soll er etwas mitbringen? Kommen noch andere Menschen oder ist es ein Date zu zweit? Im Laufe der Partnerschaft dagegen habt ihr das Gefühl, dass ihr euch immer besser kennenlernt. Bestimmte Dinge gehören nun zum Alltag und müssen nicht mehr ausdrücklich besprochen werden. Das ist erstmal gar nichts Schlimmes. Immerhin ist dieses Verständnis einer der Aspekte, der aus Verliebtheit Liebe werden lässt. 

Doch dieses Gefühl der Vertrautheit sorgt häufig dafür, dass ihr über bestimmte Dinge nicht mehr redet. Vielleicht war es in den vergangenen Jahren so, dass ihr immer zusammen um sieben Uhr abends zu Hause gegessen habt. Der Zeitplan war beiden klar. Und es war auch klar, dass der Freitag die Ausnahme von dieser Regel ist. Dann geht ihr nämlich gemeinsam essen. Deshalb war immer um 18 Uhr Aufbruch von zu Hause.

Nun hat dein Partner vielleicht einen neuen Job begonnen. Ihr seid beide glücklich darüber, denn der neue Job bedeutet, dass er endlich genau in dem Bereich arbeitet, den er liebt. Die ersten Tage im neuen Job siehst du ihm noch nach, dass er es nicht pünktlich nach Hause schafft oder dass er, statt an “seinen” Tagen zu kochen, etwas Fertiges mitbringt. 

Auch den ersten “verpassten” Freitag übergehst du wohlwollend. Doch dann merkst du: Die verpassten Abende überwiegen auf Dauer die Abende, an denen dein Partner euren Zeitplan einhält. An einem Abend, als du besonders aufwändig gekocht hast und er dich versetzt, stellst du ihn zur Rede. Du wirfst ihm vor, eure Verabredungen nicht mehr einzuhalten. Er wirft dir vor, dass du keine Ahnung von seinem neuen Job hast und nicht nachvollziehen kannst, wie schwer es ihm fällt, pünktlich zu Hause zu sein.

Euch beide eint die Close Communication Bias: Du denkst: Er steht dir so nahe, er muss doch wissen, wie wichtig dir eure gemeinsamen Abendessen sind. Und er denkt: Sie steht mir so nahe, sie muss doch wissen, dass ich wirklich nur dann nicht pünktlich bin, wenn es nicht anders geht.

Doch ihr habt es eben beide nur gedacht. Ihr habt es nicht gesagt. Und wenn ihr es dann sagt, sagt ihr es mit einem Vorwurf.

Warum machen wir jemandem Vorwürfe?

Vorwürfe machen wir immer dann, wenn unsere eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt werden und wir dieses Versäumnis der anderen Person anlasten. Lass mich auch hier ein paar Beispiele aufzählen:

  • Du hast das Bedürfnis nach Schlaf. Dein Partner will aber abends noch von seinem Tag erzählen; er hat also das Bedürfnis nach sozialem Austausch, Kommunikation und Anerkennung. Du machst ihm Vorwürfe, dass er dich nicht schlafen lässt. Er macht dir Vorwürfe, dass du dich nicht für seinen Tag interessierst.
  • Du möchtest an einer Fortbildung teilnehmen und dafür für eine Arbeitswoche verreisen. Das fällt in den Bereich der Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Er macht sich Gedanken, wie er in dieser Woche allein den Haushalt und die Kinder schaffen soll. Sein Bedürfnis nach Ordnung und sozialer Sicherheit bleibt auf der Strecke.
  • Und der Klassiker der Vorwürfe-Beispiele: Ihr bekommt gemeinsame Kinder. Du bist danach mit Babyversorgung, Schlafmangel und Hormonumschwung voll ausgelastet. Alle anderen Bedürfnisse müssen danach zurückstehen. Er hat dagegen das Bedürfnis, auch nach der Geburt eures Kindes mit dir zu schlafen

Unerfüllte Bedürfnisse sind für Babys ein wirkliches Problem. Sie können ihre Bedürfnisse nämlich noch nicht aufschieben. Erwachsene können das: Sie können ein eigenes Bedürfnis für eine gewisse Zeit in den Hintergrund stellen, um etwas anderes zu erreichen. Auch die Zurückstellung eigener Bedürfnisse, um anderen zu helfen, ist durchaus machbar. Das gilt übrigens für Männer genauso wie für Frauen. Doch aufgeschobene Bedürfnisse gehen nicht einfach weg. Sie wollen trotzdem erfüllt werden. Wenn es auf den bisherigen Wegen nicht geht, müssen halt andere Wege beschritten werden.

Werden unsere Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt, kommen die Vorwürfe wieder ins Spiel.

Vorwürfe sind laut Analysen der Psychotherapie meist geprägt von Du-Botschaften, Verallgemeinerungen, Übertreibungen, Typisch-Sätzen, Schuldzuweisungen, Beleidigungen und Scheinfragen oder Ironie als Provokation. Vermutlich ist dir selber klar, dass all diese Aspekte nicht gerade die Kommunikation zwischen euch fördern. Und Bedürfnisse werden dadurch auch nicht klarer.

Der Satz “mein Partner versteht alles als Vorwurf” muss also eigentlich heißen: “Ich habe Bedürfnisse, die von meinem Partner nicht gesehen werden.” Und daraus wird ganz schnell: “Ich habe das Gefühl, mein Partner liebt mich nicht mehr.”

Und das ist nun wirklich ein ganz doofes Gefühl. Zum Glück ist Liebe mehr als eine Hormonmischung. Du kannst deine Liebe wieder entfachen, indem du mehr darauf achtest, die entscheidenden Situationen bewusst zu erleben. Das hört sich kompliziert an? Ist es aber gar nicht. 

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Der Partner versteht alles als Vorwurf – wo ist die Liebe hin?

“Ich habe das Gefühl, wir streiten uns nur noch. Er versteht alles, was ich sage, falsch. Manchmal frage ich mich, ob wir uns überhaupt noch lieben…” Falls du den Satz noch nicht selbst gesagt hast, wette ich mit dir, dass du ihn zumindest so oder ähnlich von einer Freundin oder einem Freund gehört hast. 

Es gibt kaum eine Beziehung, die nicht wenigstens eine kurze Phase solcher Gefühle erlebt. 

Der Grund dahinter ist ebenso einfach wie hartnäckig:

Nach der ersten Phase der Verliebtheit tritt unsere Beziehung in die Phase der Liebe. Jetzt sind es nicht mehr die Hormone, die uns alles durch die rosa-rote Brille sehen lassen. Stattdessen müssen wir jetzt unsere Liebe in Form von Handlungen unter Beweis stellen.

Eine dieser Handlungen ist es, die Bedürfnisse der anderen Person nicht zu ignorieren. Eigentlich klingt das ganz einfach, oder? Es ist aber in der Tat ein mehrschrittiger Prozess:

  1. 1
    Du erkennst dein Bedürfnis. (Ja, das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber nicht.)
  2. 2
    Du kommunizierst dein Bedürfnis. (Auch das ist gar nicht so einfach. Schließlich willst du es ja nicht schon wieder als Vorwurf formulieren.)
  3. 3
    Dein Partner erkennt dein Bedürfnis an.
  4. 4

    Dein Partner unterstützt dich bei der Bedürfniserfüllung.

Und selbstverständlich gilt das auch andersherum.

In manchen Fällen ist das ganz einfach. Eine typische Situation aus dem Leben junger Eltern: “Ich kann nicht mehr. Mir fallen im Stehen die Augen zu. Ich muss schlafen. Aber das Baby ist wach und will bespaßt werden.” - “Kein Problem. Ich wollte gerade joggen gehen. Ich nehme die Pupskanone einfach im Jogger mit. Leg dich hin!”

Und dann gibt es diese Fälle, in denen es eben nicht einfach ist. Zum Beispiel, wenn dein Partner gar nicht zu Hause ist und du das Baby die ganze Zeit allein betreust. Dann kannst du nämlich dein Bedürfnis nicht mithilfe einer anderen Person erfüllen. 

Häufig hilft es, wenn wir darüber sprechen, wer uns in dieser Situation noch helfen kann. Mag die Nachbarin euer Baby für eine halbe Stunde mitnehmen in den Garten? Kann dein Partner morgens später zur Arbeit fahren, sodass du länger schlafen kannst und den Rest des Tages besser klarkommst? Manchmal muss man gemeinsam kreativ sein und findet dann eine Lösung.

Es gibt allerdings auch Bedürfnisse, die sich nicht so leicht mithilfe anderer Menschen auslagern lassen.

Eines dieser Bedürfnisse ist das nach Nähe, Geborgenheit und Sex. Denn die allermeisten Beziehungen fußen auf der Vereinbarung, diese Dinge nur miteinander zu teilen. Wenn wir in einer monogamen Beziehung leben, wollen wir eben nicht, dass die nette Nachbarin einspringt, um das Bedürfnis nach Kuscheln oder Erotik zu erfüllen. 

Und so bleibt dieses Bedürfnis oft lange unerfüllt – meistens für Männer, und eben meistens, nachdem Kinder in die Familie gekommen sind. Die Frau hat andere Prioritäten. Und das fühlt sich für den Mann nach Liebesentzug an. Immerhin hattet ihr den Deal, exklusiv nur miteinander Sex zu haben. Wenn du diesen Deal nun aufkündigst, fühlt er sich hintergangen. 

“Moment mal”, denkst du jetzt vermutlich, “es ging doch nie darum, den Deal zu kündigen! Ich will doch mit ihm schlafen. Nur eben jetzt nicht. Dafür gibt es ja auch echt genug gute Gründe. Mental Load, Hormonumstellungen, die Bedürfnisse des Babys…”

Und Recht hast du. Die Lust auf Sex geht in deinen ganzen anderen Bedürfnissen unter. Das ist in gewisser Weise normal. Genauso normal ist auch, dass sie für deinen Partner nach wie vor ein sehr wichtiges Bedürfnis ist. Dein Mann fühlt sich von dir nicht mehr begehrt. Das zieht auf Dauer seine Stimmung in den Keller.

Und schon sind wir wieder auf dem Weg der Abwärtsspirale: Wer seine Bedürfnisse nicht erfüllt sieht, macht der anderen Person daraus einen Vorwurf und bekommt schnell alles in den falschen Hals. Schnell ist die Kritik dann unter der Gürtellinie, denn die wenigsten von uns haben einen konstruktiven Umgang mit unerfüllten Bedürfnissen gelernt.

Beziehung oder WG?

In einer solchen Situation gibt es zwei mögliche Entwicklungen: Die eine ist, dass ihr euch jeden Tag nur noch ankeift. Die andere ist, dass ihr versucht, euch aus dem Weg zu gehen. Weißt du, was beide Entwicklungen miteinander gemeinsam haben!? Euch geht das verloren, was eure Beziehung ausmacht. Ihr lebt eher nebeneinander als miteinander. 

Damit seid ihr in einer WG angekommen. In dieser WG gibt es Pflichten des Zusammenlebens. Wenn die nicht erfüllt sind, macht man deswegen Stress. Solange die Pflichten erfüllt sind, lebt man halbwegs zufrieden nebeneinander her. 

Das klingt wirklich nicht gerade nach einer erfüllenden Beziehung. Es ist aber leider eine Realität bei vielen Paaren, die wegen einer großen Veränderung im Zusammenspiel mit dem Closeness Communication Bias in die Spirale gegenseitiger Vorwürfe gerutscht sind.

Wie raus aus der Vorwürfe-Spirale?

So eine Abwärtsspirale aus Vorwürfen ist nicht schön. Eigentlich wollt ihr ja wieder da hin, wo ihr zu Beginn eurer Beziehung mal wart: Ihr wollt euch gegenseitig toll finden, unterstützen, euch aufeinander verlassen können. Immer nur Kritik macht keinen Spaß – für keine der beiden Seiten.

Die gängige Antwort in dieser Situation ist: Verbessert eure Kommunikation, entweder alleine oder in einer Paartherapie. Das klingt auch logisch. Kommunikation ist der Schlüssel zu guten Beziehungen. Der Unterschied zwischen Sender und Empfänger ist genauso wichtig wie Aktives Zuhören und das Einhalten von Vereinbarungen. Überhaupt liest man in diesem Zuge oft von gewaltfreier Kommunikation. Und wenn man selber wenig Ahnung davon hat, ist die Paarberatung vielleicht der richtige Weg.

Doch oft hapert es bei der Umsetzung. Wenn du dich gerade wieder über deinen Partner ärgerst, denkst du vielleicht nicht unbedingt daran, dass du eigentlich seine Bedürfnisse im Blick behalten sollst. 

Und was genau ist eigentlich der Fehler, den ihr macht? Warum genau versteht dein Partner immer alles als Vorwurf? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich den Beziehungsbremsen-Test entwickelt. Denn in fast jeder Beziehung, die Probleme bekommt, machen die Partner einen von sieben Fehlern in der Kommunikation. Durch den Beziehungsbremsen-Test findest du heraus, was euer Hauptproblem ist. Er ist außerdem wesentlich niederschwelliger als eine Paartherapie. Du kannst ihn nämlich alleine machen.

Hast du erstmal herausgefunden, welchen Fehler ihr in eurer Kommunikation macht, wird es wesentlich leichter, ihn abzustellen. Auch diesen Schritt kannst du erstmal alleine gehen und die Früchte deiner Arbeit genießen. Und dann wird aus “mein Partner versteht alles als Vorwurf” hoffentlich bald wieder “mein Partner und ich verstehen uns sogar ohne Worte – aber wir reden trotzdem viel und gerne miteinander.”

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Niklas Löwenstein


Muss ich mich wirklich trennen, oder gibt es noch Hoffnung? Niklas war kurz davor, seine Ehe gegen die Wand zu fahren... Um seine Kinder vor einer Scheidung zu bewahren und wieder glücklich werden zu können, stürzte er sich auf alles, was seiner Beziehung vielleicht helfen konnte.

Aus dieser Suche wurde erst ein Hobby und dann nach und nach seine Lebensaufgabe. Heute ist seine Ehe glücklicher als je zuvor und er hilft mit seinen Artikeln, Büchern und Programmen hunderttausenden dabei, auch wieder glücklichere Beziehungen zu führen.

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