Geghostet worden? In 10 Schritten aus dem Tief

von  Niklas Löwenstein

Das Wochenende war traumhaft. Ihr hattet eine grandiose Zeit zusammen. Nichts hat dich darauf vorbereitet, was darauf folgen würde: Du wirst geghostet. Funkstille. Keine Nachricht, keine Info. Einfach weg. Was im ersten Moment unglaublich klingen mag, passiert leider recht häufig. Ghosting ist kein Einzelphänomen mehr.

Was ist Ghosting?

Das Wort Ghosting stammt aus dem Englischen. Eine direkte Übersetzung gibt es nicht, deshalb sprechen wir auch im Deutschen von Ghosting und geghostet werden. Ghosting bedeutet, sich von jetzt auf gleich aus einer Beziehung, einer Freundschaft oder einem Flirt zurückzuziehen und den Kontakt ohne jegliche Begründung abzubrechen. Die Person wird also gewissermaßen zum Geist. Eine Person, die so einem Verhalten ausgesetzt wird, wird geghostet.

Warum tut es so weh, geghostet zu werden?

Geghostet zu werden tut weh. Egal, ob es sich um einen Flirt, eine sich anbahnende Beziehung, eine lange Freundschaft oder eine gestandene Liebesbeziehung handelt: Du hast dich für diese andere Person emotional geöffnet. Du bist den ersten Schritt gegangen. Du hast dich verletzlich gezeigt, indem du die Person eingeladen hast, eine Beziehung mit dir aufzubauen.

Dieses Vertrauen in die andere Person wurde nun auf Tiefste erschüttert. Vermutlich bist du enttäuscht, verwirrt, sauer, traurig, mutlos und ängstlich.

Dazu kommt die beißende Frage: “Bin ich Schuld daran, geghostet zu werden?” Und die Antwort darauf lautet in mehr als 99 Prozent der Fälle: Nein, du bist nicht schuld daran. Trotzdem kann es sein, dass du Scham empfindest. Das passiert vor allem, wenn du bereits früher Zurückweisungen erlebt hast, die du nicht einordnen konntest.

Fragst du dich übrigens, in welchem einen Prozent der Fälle du tatsächlich dafür verantwortlich bist, dass du geghostet wirst? Oder vermutest du schon die Antwort? Ein kommentarloser Kontaktabbruch ist gerechtfertigt, falls dein Partner oder deine Partnerin Angst vor den Folgen einer Trennung haben muss.

Warum wirst du geghostet?

Wie bereits gesagt: Du bist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Schuld daran, dass du geghostet wirst. Stattdessen ist es so, dass dein Geist schlicht keine bessere Strategie kennt, um Abstand von dir zu gewinnen. Manchmal ist Ghosting sogar Ausdruck einer Krankheit, zum Beispiel einer Depression oder fehlender emotionaler Intelligenz.

Doch auch Menschen ohne psychische Krankheiten haben nicht unbedingt gelernt, wie man schwierige Gespräche am besten führt. Wenn Meinungsverschiedenheiten bisher häufig zu ernsten Streits ausarteten, hat die Person dieses Mal vielleicht bewusst einen Weg ohne direkte Konfrontation gewählt.

Menschen versuchen also durch Ghosting, Schaden von sich selbst abzuwenden. Deshalb liegt es nicht an dir, dass sie diese Strategie wählen. Bei anderen Menschen würden sie vermutlich genauso reagieren.

Ghosting adé: In 10 Schritten aus dem Ghosting-Tief

Leider klappt es in den wenigsten Fällen, einfach von jetzt auf gleich deinen Geist zu vergessen und dich anderen Dingen zuzuwenden. Es braucht Zeit. Damit du diese Phase möglichst schnell und gut überstehst, habe ich für dich zehn Schritte zusammengetragen, die dich durch den Prozess leiten können.

Übrigens: Manche Schritte kannst du in Begleitung einfacher gehen. Such dir ein Familienmitglied oder eine Freundin oder einen Freund als Motivationshilfe. Falls du merkst, dass du immer tiefer in die Spirale negativer Gefühle abrutschst, nimm professionelle Hilfe in Anspruch!

1. Unternimm einen letzten Kontaktversuch – und lass es danach bleiben!

Es gibt sie, diese Fälle: Du bist fest davon überzeugt, dass eine Person dich absichtlich ghostet. Und die andere Person ahnt nichts davon. Vielleicht hat sie, so blöd es klingt, ihr Handy verloren und kommt nicht mehr an deine Nummer? Vielleicht gab es wirklich einen Unfall und sie hat gerade schlicht andere Dinge im Kopf?

Unternimm deshalb einen letzten Kontaktversuch. Dieser sollte aus zwei Nachrichten bestehen. In der ersten fragst du nach, ob irgendwas los ist. Und in der zweiten stellst du klar, dass du nicht weiter auf die Person warten wirst, sondern dein Leben weitergeht.

Du musst selber entscheiden, wie lange der Zeitraum zwischen den beiden Nachrichten sein soll. Ein paar Tage sollten es wohl mindestens sein; du kannst dir aber auch länger Zeit lassen. Schieb die zweite Nachricht allerdings nicht ewig vor dir her. Das stärkt nur die falsche Hoffnung, dass dein Geist sich doch noch umentscheidet und wieder Kontakt mit dir aufnimmt.

Konkrete Formulierungen könnten zum Beispiel sein:

Die Nachfrage

“Hallo XYZ, ich habe schon länger nichts mehr von dir gehört. Bei mir entsteht der Eindruck, dass du kein Interesse mehr an einer Weiterführung unseres Flirts / unserer Beziehung / unserer Freundschaft hast. Sei doch bitte so ehrlich, mir Bescheid zu geben, ob das der Fall ist. [Dein Name]”

Der Abschied

“Hallo XYZ, leider hast du dich auf meine letzte Nachricht vom [Datum] nicht zurückgemeldet. Ich gehe deshalb davon aus, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Ich hätte mir gewünscht, dass du mir das gesagt hättest, statt einfach gar nicht mehr zu kommunizieren. Von dir geghostet zu werden hat mich sehr verletzt. Deshalb ist diese Nachricht auch kein Versuch der Kontaktaufnahme mehr, sondern mein Abschiedsgruß an dich. Ich wünsche dir alles Gute. [Dein Name]”

2. Akzeptiere, dass geghostet wurdest

Der Schritt kommt eigentlich sogar schon vor der Abschieds-SMS. Es ist, wie es ist: Du wurdest geghostet. Die Person will nichts mehr mit dir zu tun haben. Vielleicht hast du vor dieser Wahrheit auch schon viel zu lange die Augen verschlossen. Nun ist es an der Zeit, eventuelle Hoffnungen aufzugeben und der Wahrheit ins Auge zu blicken: Von deiner Seite werden keine Kontaktversuche mehr erfolgen.

3. Lass deine Gefühle zu

“Ich bin geghostet worden.” Mit dieser Erkenntnis brechen meist eine Menge unterschiedliche Gefühle über dich hinein: Enttäuschung, Wut, Angst, Verzweiflung – und vielleicht auch Erleichterung, dass du nun endlich aus der Warteschleife herauskommst.

Egal, wie du dich fühlst: Deine Gefühle sind okay. Sie sind gerechtfertigt. Es tut weh, wenn unser Vertrauen so missbraucht wird; selbst, wenn es ohne böse Absicht passiert.

4. Gib die Verantwortung für das Ghosting zurück

Vielleicht fragst du dich immer noch, ob es nicht deine Schuld ist, dass du geghostet wurdest. Ich habe es oben bereits geschrieben: Nein, es ist nicht deine Schuld, dass du geghostet wurdest. Die Verantwortung für das Ghosting liegt beim Geist. Du bist lediglich für deine eigene Reaktion darauf verantwortlich. Und genau an dieser setzen wir jetzt an.

5. Lass die Scham hinter dir

Scham empfinden wir nicht nur, wenn wir von jemandem bloßgestellt werden. Wir schämen uns auch, wenn uns etwas passiert, das in unserem eigenen Selbstverständnis falsch oder unvorteilhaft ist. Einfach so im Regen stehen gelassen zu werden gehört zu diesen Situationen. Insofern ist es verständlich, dass du dich schämst.

Vielleicht ist es dir auch schon häufiger passiert, dass du geghostet wurdest und du schämst dich, dass du auf die gleiche Masche wieder hereingefallen bist? Oder du verbindest dieses Im-Stich-Gelassen-Werden mit deiner Kindheit oder Jugend, in der du ebenfalls erleben musstest, von einer Person allein gelassen zu werden, deren Unterstützung du dringend gebraucht hättest?

In deinen Ohren mag es oberflächlich oder abgedroschen klingen. Und dennoch: Du brauchst dich nicht zu schämen. Denn du hast nichts falsch gemacht. Ich wiederhole es an dieser Stelle gern noch mal: Wenn du geghostet wurdest, liegt das nicht an dir, sondern am Geist!

Lass also die Scham darüber hinter dir. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen.

6. Kümmer dich um dein Wohlbefinden

Sich nicht mehr zu schämen ist einfacher gesagt, als getan. Und deshalb ist Mitgefühl für deine Situation so wichtig. Dir geht es mies, und du wünschst dir, dass es dir wieder besser geht. Das ist vollkommen legitim!

Wahrscheinlich wird dein Umfeld kaum allen Fokus darauf legen, dich aus deiner Enttäuschung zu ziehen. Du musst dich also wie der Baron von Münchhausen selber aus dem Schlamassel ziehen. Glücklicherweise ist das glaubwürdiger als die Geschichten vom Lügenbaron.

Denn du kennst dich selbst und du weißt, was dir gut tut. Natürlich meine ich hiermit nicht, dass du dich hemmungslos betrinken sollst. Im Gegenteil: Achte deine körperlichen Bedürfnisse genauso wie deine geistigen Bedürfnisse! Fange mit den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen an und arbeite dich dann hoch: Von Schlaf, guter Nahrung und einem Gefühl von Sicherheit kannst du dann weiter gehen zu Freundschaften und zum Ausleben deiner Kreativität.

Ganz viele konkrete Tipps dazu, wie du dich wieder besser fühlen kannst, wenn du von einer anderen Person enttäuscht wurdest, habe ich im Artikel gegen Liebeskummer für dich zusammengefasst.

7. Schaff menschliche Ablenkung

Wenn du die Tipps im Liebeskummer-Artikel gelesen hast, ist dieser Schritt für dich schon selbstverständlich. Ich will dich nicht dazu ermuntern, dich Hals über Kopf in den nächsten One-Night-Stand zu stürzen, um mit deiner Ghosting-Erfahrung abzuschließen. (Ich will dich aber auch nicht davon abhalten, falls es das ist, was dir gut tut!)

Viel grundlegender geht es darum, dass du wieder Vertrauen fasst in deine Mitmenschen: Nur, weil du in der Vergangenheit (vielleicht sogar mehrfach) geghostet wurdest, heißt das noch lange nicht, dass alle Personen dieser Erde miese Armleuchter sind. Die allermeisten Menschen wünschen sich, dass es den Personen in ihrem Umfeld gut geht.

Geh also unter Leute und mach positive Erfahrungen. Fühl dich wertgeschätzt und angenommen.

8. Kläre deine eigenen Erwartungen

Ich hab es oben schon mal kurz beschrieben: Nicht immer nehmen wir dieselbe Situation gleich wahr. Was für dich eine normale Reaktionszeit ist, ist für andere vielleicht schon Belästigung. Oder andersherum: Während du E-Mails grundsätzlich innerhalb von 24 Stunden beantwortest, lassen sich andere Menschen bis zu einer Woche Zeit damit.

Kläre also deine eigenen Erwartungen: Wie viel Zeit kann bei der Beantwortung einer Nachricht vergehen, bevor du dich wirklich mies fühlst? Geht es dir besser, wenn du eine kurze Nachricht bekommst, in der steht, dass sich die Person später ausführlich melden wird? Oder empfindest du solche Nachrichten eher als störend?

Wenn du weißt, wo dein persönlicher Standard liegt, kannst du diesen erstens besser kommunizieren und bist zweitens auch eher bereit, Unterschiede anzuerkennen. Das hilft dir, dich nicht in den Wahnsinn treiben zu lassen

9. Baue Widerstandsfähigkeit auf

Wo wir schon bei Wahnsinn sind: Ghosting verbreitet sich wahnsinnig schnell. Ich kann dir also nicht versprechen, dass du nie mehr Opfer von Ghosting werden wirst. Dafür ist es eben leider viel zu normal heutzutage. Es gibt nun mal sehr viele Menschen, die nie gelernt haben, durch schwierige Gespräche zu gehen und Streits so auszutragen, dass dabei keine Gefühle verletzt werden. Deshalb ist es extrem wichtig, dass du deine eigene Widerstandsfähigkeit aufbaust. Diese Resilienz schützt dich zukünftig davor, dir Ghosting arg zu Herzen zu nehmen.

Widerstandsfähigkeit gegen gesellschaftliche Tendenzen wie Ghosting lassen sich nicht über Nacht aufbauen. Sie werden im Gegenteil über einen längeren Zeitraum erlernt und dann auch fortlaufend in der Realität getestet, angepasst und verfeinert.

Grundsätzlich gilt: Je weniger abhängig dein Selbstwertgefühl von den Meinungen anderer ist, desto widerstandsfähiger bist du gegen Ghosting. Du wirst nicht erst durch einen anderen Menschen vollwertig. Du bist es bereits. Eine glückliche Beziehung kommt dann oben drauf. Warte also nicht darauf, dass du gerettet wirst. Finde heraus, was für dich das Leben ausmacht und sei bereits glücklich, ohne die perfekte Partnerin oder den perfekten Partner gefunden zu haben.

Auf dem Weg zu einer Traumbeziehung kannst du bereits heute deine Unempfindlichkeit gegen die kleinen und großen Seitenhiebe des Lebens – wie zum Beispiel Ghosting – steigern:

Deine Widerstandsfähigkeit gegen Ghosting steigt, wenn du genauer in deiner Kommunikation wirst. Lerne deine eigene Liebessprache kennen und lerne auch, welche anderen Sprachen der Liebe es gibt. Du wirst dadurch schneller merken, wenn ihr aneinander vorbei kommuniziert. 

Außerdem hilft es auch, wenn du deine eigene Streitkultur unter die Lupe nimmst. Teilst du bei Streits oft Schläge unter der Gürtellinie aus – vielleicht sogar, ohne das zu merken? Dieses Verhalten kann Ghosting begünstigen. Lerne, in Konflikten weniger zu streiten und mehr an einer gemeinsamen Lösung zu arbeiten. Dadurch erhöhst du nicht nur die Chancen auf ein gutes Ende des Streites, sondern auch darauf, dass die Person weiß: Mit dir kann man klar reden. Menschen, mit denen wir klar reden können, brauchen wir nicht zu ghosten. Wir können ihnen einfach sagen, was Sache ist.

10. Sei offen mit deinen Erfahrungen

Wenn du in einer bestimmten Situation geghostet wurdest, geh offen damit um. Die Chancen stehen gut, dass deinem Gegenüber schonmal etwas Ähnliches passiert ist. Aber selbst wenn nicht: Es lohnt sich, wenn du klar sagst: Ich habe hier schlechte Erfahrung gemacht und es kann passieren, dass ich deshalb recht heftig reagiere. Mir ist es wichtig, dass du das weißt. Ich will damit die Verantwortung für mein Verhalten nicht auf dich abwälzen. Ich wünsche mir lediglich, dass du mich darauf aufmerksam machst, falls dir auffällt, dass ich mich in der Vergangenheit verliere.

Mein es damit wirklich ernst: Wälze die Verantwortung für deine Erfahrung und dein Verhalten nicht auf deinen Gegenüber ab. Wie du mit deiner Ghosting-Erfahrung umgehst, ist dein Thema. Die andere Person kann lediglich unterstützen

Ein Plädoyer gegen das Ghosting

Nur, weil etwas häufig passiert, muss es dennoch nicht normal sein. Dafür gibt es viele Beispiele: Nur, weil hohe Müllberge normal sind, sollten wir sie nicht einfach akzeptieren. Nur, weil du jede Nacht drei Mal aufwachst, sollte es nicht der Normalzustand sein. Und das gilt auch für’s Ghosting: Nur, weil es immer häufiger vorkommt, sollten wir es nicht als Normalfall betrachten. Im Gegenteil: Ghosting ist nur in sehr wenigen Fällen die beste Möglichkeit, auf Abstand zu gehen.

Wenn du in deinem Umfeld Ghosting erlebst, mach die betroffenen Menschen darauf aufmerksam. Biete dem oder der Verschwundenen an, bei der Suche nach anderen Strategien zu suchen – oder bei der Suche nach einer psychologischen Fachkraft zu helfen, wenn es sich um ein Krankheitssymptom handelt. Und hilf der geghosteten Person mithilfe der zehn Schritte dabei, ihre Erfahrung zu überwinden.

Falls du Freundinnen oder Freude hast, die – zum Beispiel nach einem erotischen Abenteuer – andere ghosten, mach sie darauf aufmerksam, dass das Verhalten nicht okay ist. Ein unverbindlicher One-Night-Stand muss nicht zu einer jahrelangen Beziehung werden. Er sollte aber immerhin mit einer eindeutigen Information enden: “Danke dir. Ich habe kein Interesse an mehr. Bitte lösch meine Nummer.” Das ist hart, ja. Aber es ist ehrlich. Und das ist auf Dauer wesentlich einfacher zu ertragen als die Unsicherheit von Ghosting. 

Niklas Löwenstein


Muss ich mich wirklich trennen, oder gibt es noch Hoffnung? Niklas war kurz davor, seine Ehe gegen die Wand zu fahren... Um seine Kinder vor einer Scheidung zu bewahren und wieder glücklich werden zu können, stürzte er sich auf alles, was seiner Beziehung vielleicht helfen konnte.

Aus dieser Suche wurde erst ein Hobby und dann nach und nach seine Lebensaufgabe. Heute ist seine Ehe glücklicher als je zuvor und er hilft mit seinen Artikeln, Büchern und Programmen hunderttausenden dabei, auch wieder glücklichere Beziehungen zu führen.

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